Umgang mit Trockenheit: Erkenntnisse aus verschiedenen europäischen Ländern
Im Rahmen der Wasserstrategie wurde untersucht, wie verschiedene bereits von Trockenheit betroffene Länder damit umgehen und welche Praktiken sich bewährt haben. Die Erkenntnisse aus dieser Studie sollen dazu beitragen, entsprechende Massnahmen im Kanton Wallis rascher umzusetzen.
Trockenperioden sind keine Ausnahme mehr, sondern ein dauerhaftes Risiko mit Folgen für die Trinkwasserversorgung, die Landwirtschaft, die Industrie, die Ökosysteme und die Brandbekämpfung. Die Erfahrungen aus Spanien, Portugal, Italien, Griechenland, Marokko und Chile zeigen, dass eine einzelne Massnahme nicht genügt. Am wirksamsten ist eine Kombination aus vorausschauender Planung, einer Senkung des Wasserverbrauchs, der Nutzung unterschiedlicher Wasserressourcen, angepassten Infrastrukturen und einer koordinierten Bewirtschaftung.
1. Agieren statt reagieren
Oberste Priorität hat die Einrichtung eines kontinuierlichen Monitorings und eines Frühwarnsystems. So sollen Daten zu Niederschlägen, Abflussmengen der Fliessgewässer, Füllständen der Stauseen, Grundwasserständen, Bodenfeuchtigkeit sowie Wasserverbrauch und Wasserqualität erhoben werden.
Werden bestimmte Schwellenwerte erreicht, sollen frühzeitig die vorgesehenen Massnahmen greifen: Die Bevölkerung wird informiert, Einschränkungen werden schrittweise eingeführt, bestimmte Wasserentnahmen reduziert, besonders betroffene Sektoren unterstützt und natürliche Lebensräume besser geschützt. Besonders aufschlussreich sind die Erfahrungen aus Spanien: Die dortigen Pläne zur Bewältigung von Trockenheit definieren klar die verschiedenen Trockenheitsphasen und legen für jede davon sektorspezifische Vorkehrungen fest.
2. Den Wasserbedarf dauerhaft senken
Die nachhaltigste Lösung besteht darin, weniger Wasser zu verbrauchen und diese Ressource effizienter zu nutzen:
• Lecks in Trinkwasser- und Bewässerungsnetzen verringern;
• Wasserentnahmen systematisch erfassen und überwachen;
• Bewässerungssysteme modernisieren und auf wassersparende Verfahren setzen, ohne zusätzliche Flächen zu bewässern;
• die angebauten Kulturen an die tatsächlich verfügbaren Wasserressourcen anpassen;
• industrielle Prozesse effizienter gestalten;
• den Einsatz von Haushaltsgeräten mit geringem Wasserverbrauch fördern;
• gestaffelte, sozial gerechte Wassertarife anwenden und dabei für einkommensschwache Haushalte besondere Regelungen vorsehen.
Die Effizienzgewinne müssen jedoch genau beobachtet werden: Eine Wassereinsparung bringt nur dann einen tatsächlichen Nutzen, wenn dadurch insgesamt weniger Wasser entnommen wird und der Verbrauch nicht an anderer Stelle wieder steigt.
3. Verschiedene Wasserressourcen nutzen
Eine sichere Wasserversorgung erfordert eine Kombination verschiedener, sich ergänzender Wasserressourcen, die den lokalen Gegebenheiten Rechnung trägt.
• Wasserspeicherung in Reservoirs, sofern die ökologischen Auswirkungen und Kosten in vertretbarem Rahmen bleiben;
• Verbindung von Wassernetzen, damit Wasser bei Bedarf vorübergehend von einem Gebiet in ein anderes geleitet werden kann;
• Verwendung von aufbereitetem Abwasser in der Landwirtschaft und Industrie sowie zur Bewässerung und für bestimmte Anwendungen im Siedlungsraum, für die kein Trinkwasser benötigt wird;
• Regenwassernutzung;
• gezielte Grundwasseranreicherung;
• punktueller Einsatz von Entsalzungsanlagen in Regionen, in denen dies technisch machbar und wirtschaftlich sinnvoll ist.
Diese Lösungen müssen mit Bedacht geplant werden. Eine verstärkte Nutzung des Grundwassers kann kurzfristig helfen, die Folgen von Trockenheit abzufedern, gleichzeitig aber höhere Energiekosten, Umweltbelastungen und eine Übernutzung der Ressourcen zur Folge haben. Infrastrukturelle Massnahmen allein reichen daher nicht aus. Ebenso wichtig sind Reformen bei der Wasserbewirtschaftung und die Verringerung des Wasserbedarfs.
4. Ressourcen und Ökosysteme schützen
Bei Trockenheit führen die Gewässer weniger Wasser. Dadurch steigt die Konzentration von Schadstoffen und Salzen, was die Wasserqualität beeinträchtigen kann. Der Schutz von Grundwasservorkommen, Feuchtgebieten, Fliessgewässern, Böden und Einzugsgebieten ist daher von zentraler Bedeutung.
Zu den wichtigsten Massnahmen gehören die Vermeidung einer übermässigen Grundwasserentnahme und von Gewässerverschmutzungen, die Wiederherstellung natürlicher Wasserrückhalteräume sowie die Sicherstellung ausreichender Restwassermengen in den Gewässern. Die Wasserqualität ist in die Bewirtschaftungsentscheidungen einzubeziehen, insbesondere wenn auf andere Wasserquellen ausgewichen oder vermehrt Wasser aus Stauseen und Grundwasser genutzt wird.
5. Die Wasserbewirtschaftung klar und solidarisch organisieren
Das Trockenheitsmanagement sollte auf Ebene der Wassereinzugsgebiete koordiniert werden. Dabei sind Regionen, Gemeinden, Wasserversorger, Landwirtschaft, Industrie, Wissenschaft und Wassernutzende einzubeziehen.
Noch bevor ein Ereignis eintritt, muss klar geregelt sein, wer für die Überwachung zuständig ist, wer Entscheidungen trifft, wer Einschränkungen bei der Wasserentnahme anordnet und wer die Bevölkerung informiert.
Eine transparente Priorisierung ist unerlässlich. Vorrang haben die Trinkwasserversorgung und die grundlegenden Bedürfnisse der Bevölkerung. Anschliessend wird nach im Voraus festgesetzten Regeln abgewogen, wie das Wasser zwischen Landwirtschaft, Wirtschaft und Umwelt verteilt wird. Ausgleichsregelungen, eine zeitlich begrenzte gemeinsame Nutzung des verfügbaren Wassers und die Einbeziehung der Wassernutzenden in die Entscheidungen können dazu beitragen, Konflikte zu vermeiden und die Akzeptanz der Massnahmen zu erhöhen.

