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«Patoisromands.ch» - Neuer Elan für die Westschweizer Dialekte

Die Dienststellen für Kultur der Kantone Wallis, Freiburg, Waadt und Jura präsentieren mit «Patoisromands.ch» eine innovative interkantonale Plattform zur Bewahrung und Aufwertung der Mundarten der Westschweiz. In Anbetracht der Dringlichkeit, diese Sprachen zu erhalten, schafft das Projekt einen gemeinsamen digitalen Raum, welcher die Wahrnehmung der Dialekte erhöht, Ressourcen bündelt und den Zugang dazu erleichtert – sowohl für Sprechende als auch für Personen, die sich dafür interessieren oder ein Patois erlernen möchten.

Die 2018 als Minderheitensprachen anerkannten Westschweizer Patois, welche aus dem Frankoprovenzalischen und dem Franc-Comtois hervorgegangen sind, bilden ein sprachliches und kulturelles Erbe von aussergewöhnlichem Reichtum. Da sie kaum noch von Generation zu Generation weitergegeben werden und es – mit wenigen Ausnahmen – nicht mehr genügend Sprechende gibt, sind diese Sprachen heute vom Aussterben bedroht. Die neue Plattform «Patoisromands.ch» stellt sich dieser Herausforderung, indem sie diese Sprachen für die gesamte Bevölkerung besser sichtbar und leichter zugänglich macht.

Eine föderierende Plattform, zwischen Kulturerbe und Innovation

Das von der Vollversammlung Kultur (AP-Culture) der interkantonalen Konferenz für öffentliche Bildung der Westschweiz und des Tessins (CIIP) getragene Projekt «Patoisromands.ch» ist Teil einer interkantonalen Dynamik und will eine koordinierte Antwort auf die Herausforderungen des Verschwindens der Westschweizer Dialekte geben. Die Plattform wurde während zwei Jahren von einer Arbeitsgruppe entwickelt, die Mitarbeitende der Dienststellen für Kultur, Fachleute und Dialektsprechende vereinte. Sie stellt ein neuartiges Instrument an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kulturerbe und Pädagogik dar.

«Patoisromands.ch» versteht sich als lebendiger, sich weiterentwickelnder Raum, welcher bislang verstreute und nur schwer zugängliche Ressourcen bündelt. Die Plattform ist damit Teil der aktuellen Bestrebungen, das immaterielle Kulturerbe stärker zur Geltung zu bringen, indem sie den so genannt postvernakularen Sprachen, deren Gebrauch heute vorwiegend kulturell ist, zu neuer Wahrnehmung verhilft.

Im Dienst der Weitergabe und der Entdeckung

Die Plattform steht allen offen – Sprechenden, Lernenden, Lehrpersonen sowie allen interessierten Personen – und umfasst drei sich ergänzende Teilbereiche, die eine zugleich kulturelle und pädagogische Annäherung ermöglichen.

  • Sensibilisierung – Dieser Teilbereich bietet Inhalte, welche ein besseres Verständnis der Patois der Romandie ermöglichen: die Geschichte, Vielfalt, geografische Verbreitung und bestehenden Herausforderungen. Er stellt hunderte bisher unveröffentlichte Ressourcen zur Verfügung (Texte, Tonarchive, audiovisuelle Dokumente), die auf einer umfassenden Sammlungs- und Digitalisierungsarbeit beruhen, die in Zusammenarbeit mit Gedächtnisinstitutionen und Netzwerken von Dialektsprechenden realisiert wurde. Zudem umfasst er eine wissenschaftliche Referenzbibliografie zu den Patois der Westschweiz.
  • E-Learning – Dieser Teilbereich bietet Lerninhalte mit Übungen in elf thematischen Modulen für jeden Dialekt. Er ermöglicht eine einfache schrittweise Einführung in die verschiedenen Mundarten. Er richtet sich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene, welche diese Sprachen erstmals kennen lernen oder wiederentdecken möchten.

  • Lebendiges Patois – Dieser Teilbereich beleuchtet die aktuellen Anwendungen der Westschweizer Dialekte und informiert über Veranstaltungen, Publikationen, künstlerische Projekte und aktuelle Initiativen. Indem er das Wort an jene Personen übergibt, welche die Sprachen heute lebendig halten, trägt er dazu bei, deren Wahrnehmung, Weitergabe und Anerkennung in der heutigen Westschweizer Gesellschaft zu stärken.

In der Region verankert und auf Zusammenarbeit basierend

Damit die Plattform entstehen konnte, war eine umfangreiche Feldarbeit erforderlich: Insbesondere mussten bislang zumeist unveröffentlichte und teils ausserhalb institutioneller Kreise bewahrte Quellen identifiziert, gesammelt und digitalisiert werden. Dank dieser Arbeit sind bisher kaum genutzte Dokumente zugänglich geworden. Zudem hat dies dazu beigetragen, Akteurinnen und Akteure des Bereichs besser miteinander zu vernetzen.

Das Projekt wurde finanziell unterstützt durch das Bundesamt für Kultur, die CIIP und die Partnerkantone. Zudem stützt es sich auf die Mitwirkung von Gedächtnisinstitutionen (Staatsarchiv Wallis, Mediathek Wallis – Martinach, Glossar der Patois der Westschweiz) sowie auf die Beteiligung von Fachleuten (UNIGE, UNINE, PH Wallis und HEP BEJUNE) und von Dialektsprechenden, deren Beiträge entscheidend zur Qualität und Vielfalt der Inhalte beigetragen haben.

Ein Hilfsmittel von heute – gedacht für morgen

Als evolutive Plattform soll sich «Patoisromands.ch» mit der Zeit insbesondere in den Bereichen Sensibilisierung und E-Learning weiterentwickeln, namentlich dank der Beteiligung der Gemeinschaft der Patoissprechenden. Die Plattform stellt eine konkrete Antwort auf die Herausforderung der Weitergabe und der Wahrnehmung dieser Sprachen dar, indem sie ihnen in der digitalen Welt einen Platz einräumt und sie in die aktuelle kulturelle Praxis integriert.

Indem sie erstmals auf Ebene der ganzen Westschweiz Ressourcen, Lehrmittel und aktuelle Initiativen bündeln, bekräftigen die Partnerkantone ihr Engagement für die kulturelle Vielfalt und tragen dazu bei, den Westschweizer Patois einen lebendigen Platz in der Gesellschaft zu sichern.


Link zur Plattform: www.patoisromands.ch

«Patoisromands.ch»
Der Takounè Patéjan aus der Vevéje, FRIP Bull, ©Léa Buchwalder
In Cobva dè Contèi, einer Gruppe von Dialektsprechenden aus Conthey, findet der grosse Markt der alpinen Regionen im Rahmen des Palp Festiva statt © Cyril Perregaux
„Ambiance dju di kârtè po le patê“ (Kartenspiel auf Patois), aufgeführt von den jungen Patois-Sprechenende der Theatergruppe „Tropa dou tèâtro di patêjan“ aus La Grevire, Oktober 2022 © Alain Wicht