In Erschmatt mit Sandro Steiner
Zu Besuch in Erschmatt mit Sandro Steiner
Hügustei
Nach einem kurzen Begrüssungsgespräch auf dem Dorfplatz beginnt unsere Tour gleich beim «ältesten» Erschmatter, dem «Hügustei». Der Granitfindling aus dem Aarmassiv thront auf seinem Sockel über dem ganzen Dorf. Der «Tschuggu» kam vor rund 14'000 Jahren mit dem Rückzug des Rhonegletschers an seinen heutigen Standort – und in 14'000 Jahren lassen sich natürlich einige Geschichten und Legenden erfinden. Es gebe unterschiedliche Sagen rund um den Stein, erzählt Sandro Steiner. Der Teufel darf dabei natürlich nicht fehlen: Zum Schutz vor dem Stein habe er von den Einwohnern einen Teil der Ernte verlangt. Die Erschmatter willigten ein, liessen ihm aber die Wahl zwischen der oberen und der unteren Hälfte der Ernte. Der Teufel entschied sich für die obere Hälfte – worauf die findigen Bergbauern kurzerhand Kartoffeln pflanzten. Ihm blieben nur die Stängel. Im Jahr darauf wollte er es besser machen und wählte die untere Hälfte, doch diesmal pflanzten die Bauern Roggen. Wieder ging der Teufel leer aus. Im dritten Jahr liessen die Bauern die Äcker gleich ganz brach liegen, was den Teufel derart in Rage brachte, dass der Pfarrer mit einer Segnung eingreifen musste. So ungefähr ging die Sage – ganz genau weiss es auch Sandro nicht, denn eine Sage bleibt eben eine Sage. Die harten Fakten kennt er als ehemaliger Lehrer aber sehr wohl: Nicht der Segen des Pfarrers, sondern die Gemeinde hat den Stein in den 1970er-Jahren mit Stützmauern gesichert. Seither prägt er ganz stabil als eigentliches Wahrzeichen das Dorfbild und bietet eine der schönsten Aussichten auf Erschmatt und das gegenüberliegende Weisshorn. Als Kind war der Stein für Sandro und seine Dorfkolleginnen und -kollegen ausserdem ein perfekter Spielplatz.
Heju Spiichär – « Hoher Spycher »
Zurück zur Dorfmitte: Zu Fuss sind es rund drei Minuten hinunter, durch enge Gassen und vorbei an authentischen Dorfhäusern. Und plötzlich steht man vor dem «Wolkenkratzer» von Erschmatt, dem «Heju Spiichär» – einem markanten Blockwandbau aus dem Jahr 1628. Der Hohe Spycher diente als Speicher, ursprünglich war das Gebäude aber ein Stadel mit Dreschtenne. Woher die hohen Mauerstelzen stammen? Auch dazu gibt es nur Geschichten und Mutmassungen. Eine Überlieferung besagt, dass die ungewöhnliche Bauweise durchaus praktisch war – nämlich gegen Eindringlinge. Dass der Hohe Spycher während der Franzoseneinfälle im Mai 1798 nicht ausgeraubt wurde, sei einzig den hohen Stelzen zu verdanken: Die Franzosen vermuteten in der ungewöhnlichen Form eine Falle.
Die Gemeinde kaufte den Hohen Spycher 2011, zusammen mit dem nördlich gelegenen Ökonomiegebäude, mit dem Ziel, ihn zu erhalten. Nach einem fach- und stilgerechten Umbau stehen die Gebäude heute dem Verein Erlebniswelt Roggen für Bildungs- und Kulturzwecke zur Verfügung und können für kleinere, authentische Anlässe gemietet werden. Übrigens: Bei der offiziellen Einweihung gab es einen Wettbewerb, um die schönste Geschichte rund um den Stadel zu erfinden. Die Gewinnergeschichte: Er sei so hoch gebaut worden, dass der Hügustei darunter hindurchrollen kann.
Entschleunigung auf 1228 Metern
Wer im anspruchsvollen Arbeitsalltag der Kantonsverwaltung manchmal das Gefühl hat, die Welt drehe sich zu schnell, sollte Sandro Steiner nach Erschmatt folgen. Auf 1228 Metern über Meer ticken die Uhren bekanntlich anders – ruhiger, gelassener, «posé» wie der Hügustei eben. Sandro Steiner, im Hauptberuf Adjunkt bei der Dienststelle für Unterrichtswesen, schätzt diesen Gegenpol: Während im Büro die Pendenzenliste wächst, wächst im Dorf höchstens der Roggen. Und wenn es doch mal schnell, dynamisch und laut werden soll, dann beim Tambourenverein Edelweiss Erschmatt – einer der wenigen Traditionen, bei der Lärm nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht ist (und das auf höchstem Niveau: Der Verein zählt zu den besten der Schweiz). Fazit: Erschmatt ist ein Ort, an dem Entschleunigung fast von selbst geschieht.
Brotbacken – wortwörtlich «etwas in den Händen schaffen»
Die 300-jährige Backstube von Erschmatt hat schon vieles gesehen – aber vermutlich nie gedacht, dass sie einmal Kulisse für ein offizielles Staatsratsfoto werden würde. 2022/23 entstand dort das Motto-Bild «Gemeinsam mit den Händen etwas schaffen». Ein Motto, das ziemlich genau trifft, was in der Backstube passiert: Roggen – früher aus der Selbstversorgung –, ein historischer Steinofen, und am Ende ein Brot, das mehr wert ist als 1000 PowerPoint-Präsentationen. Kein Wunder, pilgern regelmässig Dienststellen nach Erschmatt, um selbst Hand anzulegen – darunter der Verwaltungs- und Rechtsdienst für Bildungsangelegenheiten, der Stab des DVB oder auch das Amt für Information.
Images CE © Andrea Soltermann
Steinkännel von Bruu – wenn selbst Experten im luftleeren Raum stehen
Wer denkt, in Erschmatt gebe es nur Roggen und Ruhe, hat die Rechnung ohne das Bruu gemacht. Auf 2420 Metern über Meer liegt eine Trinkwasserquelle der Gemeinde – und die Steinkännel von Bruu, ein «Kulturdenkmal in freier Natur». Das Besondere daran: Sie sind im ganzen Wallis einmalig. Das Problem: Niemand weiss so richtig, was sie eigentlich sind. Seit 2017 forschen Amateure und Fachleute an rund 80 Bruchstücken – und stehen bei der Datierung noch immer vor einem Rätsel. Die Technik ist typisch römisch, doch ob die Kännel tatsächlich aus der Römerzeit oder erst aus dem Mittelalter stammen, ist offen. Und wie kommt eine einfache Bergbauerngemeinde überhaupt zu derart raffinierten Suonen? Fazit: In Erschmatt lassen sich nicht nur wunderbar entschleunigen, sondern auch jahrhundertealte Rätsel lösen – oder eben auch nicht.
Heji Brigga – Teufelsbrücke – eine steinige Verbindung
Wer von Erschmatt nach Leuk oder hinunter nach Sitten will, wie Sandro Steiner es jeden Tag tut, nimmt heute bequem die Betonbrücke von 1955/56 bei Rotafen – schnell, praktisch und flach. Ein paar Meter oberhalb der Strassenbrücke steht jedoch die «Heji Brigga». Die Hohe Brücke überspannt seit 1563 die Feschelschlucht, stolze 100 Meter über dem Abgrund, und hat schon einiges kommen sehen – auch die Gemeindefusion 2013, als aus der baulichen Verbindung zwischen Leuk und Erschmatt plötzlich auch eine verwaltungstechnische wurde. Eine Symbolik, treffender könnte man sie kaum inszenieren, findet Sandro Steiner. Nach einer umfassenden Sanierung ist die Brücke heute wieder das, was sie immer war: ein beliebter Aussichtspunkt, besonders bei Ornithologinnen und Ornithologen, ein noch beliebteres Fotomotiv – und der perfekte Ort für eine kurze Pause, bevor es zurück ins Büro geht, wo die Pendenzenliste bekanntlich auf niemanden wartet. Die Kapelle beim Brückenkopf ist übrigens auch noch da. Für alle Fälle. Auch sie ist aus Stein.