Reportage Stéphanie Rey: «Die Natur offenbart sich jenen, die es verstehen, langsamer zu werden.»

Anpassungsfähigkeit als Leitmotiv

Anpassungsfähigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben der energiegeladenen Fünfzigjährigen. Wie sie selbst sagt, bräuchte es zwei Ausgaben von Vis-à-vis, um ihren vielseitigen Werdegang vollständig zu erzählen. Bachelor im Bereich Management aquatischer Fauna in Québec, Masterstudium in Biologie an der Universität Lausanne, Wanderleiterin, Freiwilligeneinsatz in der Landwirtschaft im Tessin, Arbeit in einer Kindertagesstätte, Mitarbeiterin auf einem Ziegenbetrieb, Alpverantwortliche und schliesslich erste Rangerin des Naturschutzgebiets Derborence – Stéphanie Rey hat immer wieder neue Wege eingeschlagen und sich auf veränderte Lebensumstände eingelassen.
«Entscheidend ist schlussendlich die Einstellung: Die Gegebenheiten bleiben dieselben, nur der Blick darauf verändert sich. Ich habe mich nie darauf konzentriert, was mir fehlte, sondern immer auf das, was ich habe, und versucht, darauf aufzubauen.»

 

Entscheidend ist schlussendlich die Einstellung: Die Gegebenheiten bleiben dieselben, nur der Blick darauf verändert sich. Ich habe mich nie darauf konzentriert, was mir fehlte, sondern immer auf das, was ich habe, und versucht, darauf aufzubauen. 

Heute hat die Mutter eines 19-jährigen Sohnes eine Balance gefunden, die ihren Vorstellungen entspricht. Die Teilzeitstelle bei der Dienststelle für Landwirtschaft lässt sich ideal mit ihrer Tätigkeit als Wanderleiterin verbinden. Die beiden Berufe ergänzen sich zudem auf vielfältige Weise und schaffen wertvolle Synergien.

Eine sinnvolle Tätigkeit

Seit 2017 ist Stéphanie als Wanderleiterin tätig. «Dank meiner Ausbildung in Biologie verfügte ich bereits über fundierte Kenntnisse der Tier- und Pflanzenwelt. Ich fand es von Anfang an toll, dieses Wissen mit anderen Menschen teilen zu können.»


 

Der entscheidende Moment kam schliesslich bei ihrer Arbeit auf der Alp Dorbon oberhalb von Derborence. Eines Tages begegnete sie dort einem Mann mit einer auffallend dicken Brille, der seiner Tochter auf Schritt und Tritt folgte. Stéphanie begleitete die beiden ein Stück und kam mit ihm ins Gespräch. Der sehbehinderte Mann erzählte ihr, dass er Unebenheiten auf dem Weg nicht mehr von Löchern unterscheiden könne. Ohne die Unterstützung seiner Tochter, für die er sehr dankbar sei, könnte er nicht mehr in den Bergen unterwegs sein.

Durch diese Begegnung «erhielt das begleitete Wandern in den Bergen eine noch tiefere Bedeutung». Ihre Arbeit, um für die Ausbildung als Wanderleiterin zugelassen zu werden, widmete sie deshalb genau diesem Thema.

Dank meiner Ausbildung in Biologie verfügte ich bereits über fundierte Kenntnisse der Tier- und Pflanzenwelt. Ich fand es von Anfang an toll, dieses Wissen mit anderen Menschen teilen zu können.

Eine anspruchsvolle Ausbildung

«Die Ausbildung dauert zwei Jahre und schliesst mit dem eidgenössischen Fachausweis als Wanderleiterin ab. Sie vermittelt fundierte Kenntnisse in den Bereichen Fauna, Flora, Geologie, Sicherheit, Kartenkunde und Gruppenführung.»

Im Wallis gibt es rund 150 Wanderleiterinnen und Wanderleiter. «Mit der Zeit findet jede Person ihre eigene Nische. Einige spezialisieren sich auf Themen wie Natur, Geologie sowie Tier- und Pflanzenwelt, andere bieten Trailrunning oder Yoga-Wanderungen an.» Wanderleiterinnen und Wanderleiter führen Wanderungen bis in die Region der Berghütten. In höheren Lagen beginnt das Tätigkeitsfeld der Bergführerinnen und Bergführer.

Für Stéphanie bestand die Herausforderung darin, ihr biologisches Fachwissen so zu vermitteln, dass es für die Teilnehmenden verständlich wurde und ihnen dieses Wissen auch blieb. «Gerade im Wallis gehen viele Leute auch ohne professionelle Begleitung in die Berge. Darum müssen wir ihnen eben mehr bieten als bloss eine geführte Wanderung – wir möchten Wissen vermitteln und den Teilnehmenden ein besonderes Erlebnis ermöglichen.»

 

 

 

Gerade im Wallis gehen viele Leute auch ohne professionelle Begleitung in die Berge. Darum müssen wir ihnen eben mehr bieten als bloss eine geführte Wanderung – wir möchten Wissen vermitteln und den Teilnehmenden ein besonderes Erlebnis ermöglichen. 

«Emotionen wecken»

Die Gestaltung ihrer Wanderungen spielt für Stéphanie eine zentrale Rolle. «Geschichten erzählen, experimentieren, riechen, spielerische Elemente einbauen – all das hilft den Leuten, sich das Gelernte einzuprägen. Als Wanderleiterin möchte ich die Natur nicht nur erklären, sondern erlebbar machen. Ich möchte Emotionen wecken.»

Um das zu veranschaulichen, pflückt die begeisterte Biologin eine Salbeiblüte. Vorsichtig schiebt sie einen Stiel in die Blüte. Sofort neigt sich der Blütenstempel und überträgt den Pollen auf den Stiel, der in diesem Fall das Insekt ersetzt. So wird der raffinierte Bestäubungsmechanismus sichtbar, der der Fortpflanzung der Pflanze dient. Weiter erzählt Stéphanie von einer heimischen Orchideenart, deren Blüte einer Hummel ähnelt. Mit dieser täuschend echten Form lockt sie das bestäubende Insekt an und sichert auf diese Weise ihre Fortpflanzung.

 


 


 

Neugierig sein

Stéphanie plädiert dafür, die Natur ohne festes Ziel zu erkunden, innezuhalten und einfach zu beobachten. «Gerade dann schenkt uns die Natur am meisten. Wer innehält, dem offenbart sich die Natur. Wie schon Konfuzius sagte: Der Weg ist das Ziel. Genau das bereichert unser Leben.»

Die Wanderleiterin erinnert sich an ein besonderes Erlebnis mit einer Gruppe. An einem Felsvorsprung bat sie die Teilnehmenden, einen Moment stillzustehen und einfach die Natur auf sich wirken zu lassen. Kurz darauf erschien ein Bartgeier und zog majestätisch seine Kreise über ihnen. «Er war so nah, dass wir seinen Bart und seine roten Augen erkennen konnten», erzählt Stéphanie begeistert. Als die Gruppe den imposanten Vogel entdeckte, dessen Flügelspannweite bis zu drei Meter erreichen kann, brach sie in Jubel aus.

Zwei Berufe vereint

Wir erreichen die Waldlichtung von Planeige. Kaum sind wir angekommen, beginnt Stéphanie zu flüstern. Ihre Sinne sind geschärft, um diesen besonderen Ort noch intensiver wahrzunehmen. Unter unseren Schritten rascheln die vom Wassermangel ausgetrockneten Pflanzen, während Dutzende weisse Schmetterlinge vor uns aufflattern.

Stéphanie bleibt stehen und zeigt auf die Pflanzen, die auf dieser Lichtung wachsen. Mit geübtem Blick entdeckt sie die Flockenblume mit ihrer unter der Blüte sitzenden Samenkapsel, das Echte Labkraut, dessen Blüten kurz vor dem Aufgehen stehen, und das Knollige Mädesüss, das auf diesem trockenen Boden besonders gut gedeiht. Auch Salbei, die Gelbe Primel und die Wolfsmilch setzen farbige Akzente auf der Wiese. «Die Pflanzenvielfalt hier ist beeindruckend. Das ist grossartig – gleichzeitig ist es aber auch extrem trocken.»


 

 

 

Mit Sorge richtet sie den Blick auf den Kugel-Ginster. «Seine Ausbreitung muss man im Auge behalten, denn er droht, die Wiese zu überwuchern.» Die Biologin zeigt sich überrascht von seinem Vormarsch. «Das ist eine in der Schweiz seltene und geschützte Pflanze, die nur an den Hängen zwischen Conthey, Savièse, Ayent und Crans-Montana vorkommt. Lokal kann sie sich jedoch sehr stark ausbreiten – wie hier.»

Auf dieser Wiese verbinden sich Stéphanies zwei berufliche Welten: ihre Tätigkeit als Wanderleiterin und ihre Arbeit als agrartechnische Mitarbeiterin bei der Dienststelle für Landwirtschaft.

 

Die Ausbreitung des Kugel-Ginsters sollte im Auge behalten werden, da er die Weide zu überwuchern droht.

 

2019 begann Stéphanie Rey als Sommerpraktikantin beim Staat Wallis. Damals war sie dafür zuständig, die botanische Qualität von Wiesen zu beurteilen. Eine hohe Artenvielfalt ermöglicht den Bewirtschaftern, Direktzahlungen des Bundes als Ausgleich für Ertragseinbussen zu erhalten. Seit zwei Jahren ist die Biologin fest beim Amt für Direktzahlungen angestellt. Heute ist sie es, die Praktikantinnen und Praktikanten rekrutiert, ausbildet und bei der Bewertung der Biodiversität von Wiesen begleitet.

 

Die Pflanzenvielfalt hier ist beeindruckend. Das ist grossartig – gleichzeitig ist es aber auch extrem trocken.


 


 

Synergien schaffen

Während ihrer vierjährigen Amtszeit als Präsidentin der Walliser Sektion des Schweizerischen Wanderleiterverbands nutzte Stéphanie die Gelegenheit, ihre beiden Berufsfelder miteinander zu verknüpfen. So organisiert sie Fortbildungen für Wanderleiterinnen und Wanderleiter, die von Fachleuten des Staates Wallis durchgeführt werden.

«Das ist eine klassische Win-win-Situation. Die kantonalen Dienststellen – in diesem Fall die Dienststelle für Wald, Natur und Landschaft – können über Schutz- und Renaturierungsprojekte oder andere aktuelle Massnahmen informieren. Die Wanderleiterinnen und Wanderleiter nehmen dieses Wissen mit und geben es an ihre Gäste weiter. So profitieren alle.»

Zurück beim Auto hat sich der Himmel bedrohlich verdunkelt. Doch bevor wir aufbrechen, macht uns die Naturliebhaberin noch auf den melodiösen Gesang einer Singdrossel aufmerksam. Die Natur offenbart sich tatsächlich jenen, die sich Zeit nehmen, innezuhalten, zu beobachten und zuzuhören. Ein Gedanke, den man sich in einer Welt zu Herzen nehmen sollte, in der wir allzu oft nur den Gipfel im Blick haben, statt den Weg dorthin bewusst zu erleben.