Reportage Ella Maillart: ein Kollegium, das zum Lernen einlädt
Noch liegt eine ungewohnte Ruhe über dem neuen Schulgebäude. In den Gängen des Lycée-Collège Ella Maillart herrscht noch Stille, während die letzten Arbeiten im Gange sind. Licht fällt durch die Innenhöfe, die Gänge sind menschenleer und in den weitläufigen Räumen fehlen noch die Möbel. Am 20. August dürfte dieses Bild ein ganz anderes sein, wenn die 1100 Schülerinnen und Schüler das neue Kollegium mit Leben füllen.
Philippe Venetz, Kantonsarchitekt, erklärt in wenigen Worten, was für ihn die Einzigartigkeit des Projekts ausmacht: «Das Interessanteste an dieser Schule ist ihre Einbindung in das Stadtbild. Egal aus welchem Winkel man sie betrachtet, sie fügt sich sehr harmonisch in das übrige Quartier ein.» Unser Rundgang kann beginnen.
Das Interessanteste an dieser Schule ist ihre Einbindung in das Stadtbild.
Ein neues Kapitel
Das Kollegium Ella Maillart ist das Ergebnis eines Prozesses, der vor fast zehn Jahren seinen Anfang nahm. Hinter dem Neubau steckt weit mehr als ein reines Bauprojekt, denn er trägt zwei zentralen Entwicklungen Rechnung: den steigenden Schülerzahlen auf der Sekundarstufe II und der notwendigen Neuorganisation der Sittener Schulen.
Jean-Philippe Lonfat, Leiter der Dienststelle für Unterrichtswesen, spricht gerne von einem «Stühlerücken». Die Räumlichkeiten des Kollegiums Planta stiessen an ihre Grenzen und mussten saniert werden, die Handels- und Fachmittelschule benötigte einen neuen Standort, und auch die schulischen Bedürfnisse hatten sich im Laufe der Jahre verändert. Ein Neubau zeichnete sich damit zunehmend als sinnvollste Lösung ab.
Mehr als ein reines Bauprojekt
Zunächst galt es jedoch, einen geeigneten Standort zu finden. Mehrere Möglichkeiten standen zur Diskussion, bevor die Wahl auf das ehemalige FC-Sitten-Gelände fiel. Kritische Stimmen bemängeln, das neue Kollegium liege zu weit vom Stadtzentrum entfernt. Ganz so weit weg ist der neue Standort allerdings nicht: Vom Bahnhof aus lässt er sich gut zu Fuss erreichen – der Weg ist kaum länger als zum Kollegium Les Creusets, und mit dem Ausbau der Fuss- und Velowege dürfte der neue Standort künftig noch besser erreichbar sein.
Ein kleines Stückchen Fussballgeschichte bleibt an diesem Ort erhalten – allerdings mit neuer Bestimmung: Mit 80 mal 100 Metern entspricht das neue Schulgebäude beinahe exakt den Dimensionen des ehemaligen Fussballplatzes.
Raum fürs Lernen
Das Gebäude fällt zunächst durch seine Proportionen auf: Statt in die Höhe zu bauen, haben die Architekten auf eine grosszügige Grundfläche mit zwei Hauptgeschossen gesetzt. «Ein zu wuchtiges Gebäude wollten wir vermeiden», erklärt Philippe Venetz.
Holz und Beton ergänzen sich harmonisch, während die grossen Fensterfronten für viel Tageslicht sorgen und der Schule eine helle und schlichte Atmosphäre verleihen.
Wir erreichen die weitläufige Eingangshalle. Jean-Philippe Lonfat nennt sie «den Dorfplatz». Hier treffen sich die Schülerinnen und Schüler vor dem Unterricht, in den Pausen oder zum gemeinsamen Lernen. Von den begrünten Innenhöfen scheint das natürliche Licht ins Innere des Gebäudes – Blick auf die Berge und Valeria und Tourbillon inklusive.
Ein zu wuchtiges Gebäude wollten wir vermeiden
«Wenn sich die Schülerinnen und Schüler wohlfühlen, lernen sie auch besser», fasst Philippe Venetz zusammen.
Während des Rundgangs kommt Philippe Venetz immer wieder auf das zentrale Anliegen zu sprechen, nämlich Räume zu schaffen, in denen man sich wohlfühlt. Dies zeigt sich auch an den Gängen, die breiter sind als in Schulhäusern üblich. Sie bieten genügend Platz, damit selbst bei grossem Andrang keine Engpässe entstehen. Auch die Treppen sind auf die Schülerströme abgestimmt: Je höher man im Gebäude kommt, desto schmäler werden sie.
Ein paar Meter weiter führen die Laubengänge nach draussen. Sie schützen die Fassaden vor der Sonne, schaffen zusätzliche Verbindungen innerhalb des Gebäudes und ermöglichen den direkten Zugang ins Freie.
«Wenn sich die Schülerinnen und Schüler wohlfühlen, lernen sie auch besser», fasst Philippe Venetz zusammen.
Die Berücksichtigung der Alltagsbedürfnisse spiegelt sich im gesamten Gebäude wider: Nachhaltige Materialien, eine effiziente Belüftung, Photovoltaikmodule, Barrierefreiheit und Tageslicht sorgen für eine Umgebung, die auf Langlebigkeit ausgelegt ist … und zum Lernen und Leben einlädt.
Moderne Unterrichtsräume
Unser Rundgang führt uns weiter zu den Unterrichtsräumen. Im obersten Stock befinden sich die Räume für Bildende Kunst und Musik.
Eine Etage tiefer öffnet uns Philippe Venetz die Türen zu den Physik-, Chemie- und Biologielabors. Jean-Philippe Lonfat kann seine Begeisterung kaum verbergen: «Die Räume sind einfach fantastisch geworden.» Sie zeigen, welchen Stellenwert der Kanton den Naturwissenschaften einräumt – ohne dabei die ausgeprägte kulturelle Ausrichtung der Schule aus dem Blick zu verlieren.
Die Mediathek, die Spezialräume, der FabLab-Bereich und der Hörsaal sind Teil eines Gesamtkonzepts, das zeitgemässe Unterrichtsformen ermöglicht und Raum für deren Weiterentwicklung bietet.
Eine Küche, in der man über den Tellerrand hinausblickt
Im Erdgeschoss zeigt uns Philippe Venetz eine der Besonderheiten der neuen Schule: die Schulküche. Hier werden die Mahlzeiten nämlich direkt vor Ort zubereitet. In Zusammenarbeit mit der Dienststelle für Landwirtschaft und dem Projekt «Regional kochen» werden regionale Produkte, kurze Lieferwege und saisonale Gerichte grossgeschrieben.
«Hier geschieht alles vor Ort», erklärt Philippe Venetz. Die Schule verfügt damit auch über ein eigenes Küchenteam – ein Modell, das an Walliser Bildungseinrichtungen bislang noch wenig verbreitet ist.
Direkt an die 500 Plätze umfassende Mensa schliesst eine grosszügige, überdachte Terrasse an, die zum Cour Roger Bonvin führt. Hier können die Schülerinnen und Schüler zu Mittag essen, gemeinsam lernen oder einfach eine Pause im Freien geniessen, geschützt vor Sonne und Regen.
Den Ort zum Leben erwecken
Nun, da das Gebäude fertiggestellt ist, geht es um die Menschen, die das Kollegium künftig mit Leben füllen werden. Für Romaine Crettenand-Sierro ist dieser Moment ein besonderer. Als ehemalige Schülerin, Lehrerin, Rektoratsrätin und heutige Rektorin des Kollegiums La Planta steht sie nun vor einer spannenden neuen beruflichen Etappe.
«Ich hänge sehr am Kollegium La Planta und an seiner ganz besonderen Seele, aber jetzt ist Zeit für ein neues Kapitel», vertraut sie uns an.
Bis zum Schulbeginn gibt es noch einiges zu tun: Der Umzug muss vorbereitet, die verschiedenen Teams müssen mit den neuen Räumlichkeiten vertraut gemacht und die Räume eingerichtet werden. Und natürlich gilt es dafür zu sorgen, dass sich am neuen Ort alle zurechtfinden.
Für die Rektorin liegt das Wesentliche jedoch woanders: Nicht die neuen Räume allein machen ein Kollegium aus – entscheidend sei vielmehr, dem Kollegium Ella Maillart eine eigene Identität zu geben. Die Werte, die La Planta über Jahre geprägt haben – Offenheit, Zusammenarbeit, Vertrauen und kritisches Denken –, sollen auch am neuen Standort weitergelebt werden.
Ich hänge sehr am Kollegium La Planta und an seiner ganz besonderen Seele, aber jetzt ist Zeit für ein neues Kapitel
So folgte auch die Namensfindung dieser Philosophie. Ella Maillart verkörperte als Reisende, Schriftstellerin, Fotografin und Sportlerin Weltoffenheit. «Ihre Haltung und ihre Werte finde ich sehr inspirierend. Ella Maillart ging stets gerne auf andere Menschen zu», erklärt die Rektorin.
Das Vermächtnis von Ella Maillart wird deshalb weit über ihren Namen hinausreichen, der als Schriftzug an der Fassade des Kollegiums verewigt ist. Im Rahmen verschiedener Schulprojekte werden die Schülerinnen und Schüler die vielseitige Persönlichkeit nach und nach kennenlernen. Dazu gehört auch «La Voix d’Ella», ein von Schülerinnen und Schülern moderiertes Radioprogramm, in welchem dieser Geist der Offenheit und Neugier weitergetragen wird.
Eine eigene Identität – bis hin zur eigenen Schulmelodie
Unser Rundgang endet vor dem Werk des französisch-schweizerischen Künstlers Alexandre Joly mit dem Titel Les résurgences lumineuses, welches das Kollegium sowohl im Innen- als auch im Aussenbereich ziert.
An einer grossen Innenwand lenkt eine Komposition aus Metallscheiben den Blick in die oberen Stockwerke. Draussen setzt sich das Werk im Schulhof fort, wo dieselben Formen wie metallene Pilze aus dem Boden ragen. Seine Inspiration dafür fand Alexandre Joly im nah gelegenen Lauf des Rottens.
Doch dieses Kunstwerk kann noch mehr: Die metallenen Formen lassen sich zum Klingen bringen. Alexandre Joly hat die dabei entstehenden Klänge aufgenommen und weiterverarbeitet – daraus entstand die eigene Melodie des Kollegiums Ella Maillart, die als Schulglocke zu jedem Unterrichtsbeginn und –ende erklingt.
Als wir das Gebäude verlassen, herrscht noch Stille. Ab dem 20. August wird sich das ändern: Gespräche zwischen den Unterrichtsstunden, reges Treiben in den Gängen und das Erklingen der schuleigene Melodie werden den Alltag der Schülerinnen und Schüler prägen.
Der Neubau ist also bezugsbereit und wird bald schon zu einem Ort des Lebens, der Begegnungen und des Lernens. Alles Weitere, so Romaine Crettenand-Sierro, liegt in den Händen jener Menschen, die diesem Ort seine eigene Seele geben werden.
Kennzahlen
Ein neues Kollegium, das bis zu 1'350 Schülerinnen und Schülern eine moderne, offene und nachhaltige Lernumgebung bietet.
Verschiedene Perspektiven
Drei Perspektiven auf das neue Kollegium, seine Ziele, seine Herausforderungen und darauf, was es all jenen bieten wird, die es mit Leben füllen werden.
Philippe Venetz
Jean-Philippe Lonfat
Romaine Crettenand-Sierro
Mehrwert des Kollegiums
Grosszügige Räumlichkeiten
Moderner, innovativer inspirierender Lern- und Arbeitsort
Aussergewöhnliche Infrastruktur
Grösste Herausfor-derung
Termine und Budget einzuhalten und gleichzeitig ein funktionales und nachhaltiges Gebäude zu schaffen
Die Balance zwischen top Qualität und Kostenkontrolle, sowie sich im neuen Gebäude zurechtzufinden
Den Umzug erfolgreich zu bewältigen und dafür zu sorgen, dass sich alle rasch in den neuen Räumen zurechtfinden
Besonder-heiten des neuen Kollegiums
Ein niedriges, offenes Gebäude mit grosszügigen Räumen, das sich gut ins Quartier einfügt
Ein Kollegium mit starker naturwissenschaftlicher Ausrichtung & gleichzeitig kultureller Offenheit
Schulprojekte, die Weltoffenheit vermitteln und Ella Maillarts Geist weitertragen
Komfort
Grosszügige Räume, Laubengänge und Innenhöfe sowie eine klima- und nutzergerechte Gestaltung
Ein Gebäude, das den heutigen Anforderungen an Energieeffizienz, Komfort und Barrierefreiheit gerecht wird
Räume, die Begegnungen, Wohlbefinden und gemeinschaftliches Arbeiten fördern
Mein Wunsch für die Schülerinnen und Schüler
Freude zu haben, an einem einladenden Ort zu lernen
Die Freude, in einer inspirierenden Umgebung zu lernen, die offen für die Welt und die Zukunft ist
Ein echtes «Wow-Erlebnis» – und dass sie sich im neuen Kollegium rasch wohlfühlen
Nicht die neuen Räume allein machen ein Kollegium aus – entscheidend sei vielmehr, dem Kollegium Ella Maillart eine eigene Identität zu geben. Die Werte, die La Planta über Jahre geprägt haben – Offenheit, Zusammenarbeit, Vertrauen und kritisches Denken –, sollen auch am neuen Standort weitergelebt werden.
Romaine Crettenand-Sierro