Porträt Christophe Caloz: «Ich gehöre zu den guten Schützen, aussergewöhnlich gut bin ich aber nicht. »
EIN BESONDERS JUNGER SCHÜTZE
«In meinem Schützenleben war ich zwei Jahre lang 14 Jahre alt», beginnt Christophe Caloz schmunzelnd. Damals lag das Mindestalter für die Aufnahme in den Kreis der Jungschützen bei 14 Jahren. Da ihm die Warterei aber zu lange dauerte, scheute sich der Teenager nicht, bei seinem Alter zu schummeln, um sich bereits mit 13 Jahren seinem Lieblingssport widmen zu können. Sein Mitwisser war kein Geringerer als sein Vater, ebenfalls Sportschütze. Diese Anekdote sagt viel über die Motivation des jungen Caloz aus. Auch 40 Jahre später ist das Sportschiessen nach wie vor seine grosse Leidenschaft.
In meinem Schützenleben war ich zwei Jahre lang 14 Jahre alt
EIN FESTES RITUAL
An diesem späten Frühlingsnachmittag empfängt uns Christophe Caloz am Schiessstand Le Beulet in St-Léonard zu einer Trainingseinheit. Obwohl er nicht abergläubisch ist, hat er sein festes Ritual. Nach seiner Ankunft nimmt er sich ein paar Minuten Zeit, um nach einem oft sehr ereignisreichen Tag zur Ruhe zu kommen. Dann begibt er sich zum Schiessstand, reinigt sein Gewehr, zieht seine Ausrüstung an und nimmt seine Position ein. «Am Schiessstand bin ich in meiner eigenen Welt. Ich schotte mich von allem rundherum, ab. Es gibt nur noch die Zielscheibe und mich.»
Am Schiessstand bin ich in meiner eigenen Welt. Ich schotte mich von allem rundherum, ab. Es gibt nur noch die Zielscheibe und mich.
TECHNIK UND ZWEIFEL
Heute Abend übt sich der Ingenieur im Schiessen auf 300 Meter, kniend und ohne Armstütze. Die ersten Schüsse sind präzise: Die Kugeln treffen die Mitte der Zielscheibe. Es folgen eine 9 und eine 10. Doch plötzlich lässt die Treffsicherheit nach. Drei Schüsse landen auf der 6, genau an derselben Stelle. «Es nervt mich, wenn mir derselbe Fehler mehrmals passiert.» Er ändert seine Haltung und findet wieder zu seinem Gefühl zurück. Die Serie endet mit gelungenen Schüssen und die darauffolgende bestätigt die Rückkehr zur Form. «Es ist alles eine Frage des richtigen Verhältnisses: Muskelentspannung und gleichzeitige Aufrechterhaltung der Körperspannung. Die Konzentration ist extrem hoch. Nach zwanzig Minuten bin ich völlig leer.»
Es nervt mich, wenn mir derselbe Fehler mehrmals passiert.
DIE EMOTIONEN IM GRIFF
Man würde es ihm nicht ansehen, doch Christophe beschreibt sich selbst als nervös und von Natur aus emotional. Um Höchstleistungen zu erbringen, musste er lernen, diese Energie zu kanalisieren. Neben dem Schiessen fährt er Mountainbike, geht auf Skitouren und läuft. Diese Aktivitäten helfen ihm dabei, Spannungen abzubauen.
Im Laufe der Jahre hat Christophe seine Balance gefunden. Vor der Zielscheibe ist Selbstbeherrschung ein entscheidender Vorteil. «Grosse Champions verbringen nicht den ganzen Tag mit Schiessen. Entspannungstraining und Propriozeption – die Fähigkeit, die eigene Position im Raum wahrzunehmen – sind ebenfalls fester Bestandteil des Trainings.»
Grosse Champions verbringen nicht den ganzen Tag mit Schiessen. Entspannungstraining und Propriozeption – die Fähigkeit, die eigene Position im Raum wahrzunehmen – sind ebenfalls fester Bestandteil des Trainings.
HUNDERT VON HUNDERT
Der Traum eines jeden Sportschützen ist es, die perfekte Punktzahl zu erzielen: hundert von hundert Punkten, also zehn Schüsse mit jeweils Höchstpunktzahl. Diese Leistung ist Christophe Caloz im Wettkampf bereits gelungen. So zum Beispiel 2009 im Finale der Schweizer Gruppenmeisterschaft, wo sein Ergebnis seiner Sektion eine Silbermedaille einbrachte.
Der Ingenieur relativiert nüchtern: «Ich gehöre zu den guten Schützen, bin aber nicht aussergewöhnlich gut. Ich habe weder die Zeit noch die Lust, mehr dafür zu tun.» Mehr als Glanzleistungen schätzt er Beständigkeit. Sein Massstab ist sein Jahresdurchschnitt, der derzeit bei über 95 von 100 liegt.
GEWEHR UND KARABINER
Um auf diesem Niveau mithalten zu können, hat sich Christophe Caloz ein hochwertiges Wettkampfgewehr zugelegt. Im Gegensatz zu den Sturmgewehren der Schweizer Armee ermöglicht diese Waffe feine und vollständig individuelle Einstellungen, bis man «mit dem Gewehr eins wird».
Zu Hause hat der Ingenieur noch einen Karabiner für militärische Schiessübungen und ein Kleinkalibergewehr, in einem gesicherten Schrank befindet sich ausserdem noch ein Luftgewehr. «Schon als Kind hatten wir Waffen zu Hause. Sicherheit hatte immer oberste Priorität, und ich habe nie auch nur den kleinsten Zwischenfall erlebt», betont er.
In seiner Sportpraxis betrachtet er sein Gewehr nicht als tödliche Waffe, sondern als leistungsfähiges Präzisionsinstrument. Das Ziel bleibt der Punkt, nichts anderes. Und er hält Abstand zur Armee oder zur Jagd: «Das Schiessen, wie es in der Armee praktiziert wird, interessiert mich nicht, das hat nichts mit meiner Welt zu tun. Und was die Jagd angeht: So sehr ich das Schiessen auch mag; ich wäre unfähig, auf ein Tier zu schiessen.»
Sicherheit hatte immer oberste Priorität, und ich habe nie auch nur den kleinsten Zwischenfall erlebt
EIN IMAGE MIT VERBESSERUNGSPOTENZIAL
Der Schiesssport hat ein Imageproblem, was der passionierte Schütze bedauert. Und doch gibt es in der Schweiz hervorragende Schützen. An den Olympischen Spielen 2024 in Paris holte die Schweizer Delegation zwei Medaillen, darunter eine Goldmedaille dank Chiara Leone in der Disziplin Dreistellung Gewehr 50m.
«Das Niveau in der Schweiz ist unglaublich hoch», schwärmt der Schulinspektor.
Dass die Sportart bis heute teils als rückständig gilt, führt er auch darauf zurück, dass sie sich nur schwer vermarkten lässt. «Fussball- oder Eishockeyfans zeigen gerne die Farben des FC Sitten oder des HC Siders. In unserem Umfeld bin ich wohl einer der wenigen, die ein Gewehrlogo auf ihrem Auto haben.»
Christophe räumt auch ein, dass manche Schützen bewusst zurückhaltend sind: «In der breiten Öffentlichkeit hat man vielleicht Angst, zu stören, denn ein Schiessstand macht natürlich Lärm.»
In unserem Umfeld bin ich wohl einer der wenigen, die ein Gewehrlogo auf ihrem Auto haben.
EIN ORT FÜR SICH
Schiessen, fernab von Wohngebieten – das ist möglich. In Saint-Léonard hat Christophe Caloz im Schiessstand Le Beulet einen besonderen Ort für sich gefunden, der mittlerweile zu einer Hochburg seines Sports geworden ist. Versteckt im Tal der Lienne, am Ufer des gleichnamigen Flusses, liegt die Anlage etwas abgelegen. Selbst der Handyempfang lässt dort zu wünschen übrig.
Vor zwanzig Jahren hat Christophe dort die Société de Tir Sportif du Beulet (STSB) mitbegründet, nach der Schliessung seiner ersten Schiessstände in Muraz und später in Siders. «Le Beulet ist einer der schönsten Schiessstände im Zentralwallis. Dank seiner Lage in der Talebene kann man dort während acht Monaten im Jahr schiessen.» Heute zählt der Verein mehr als 200 Schützen und veranstaltet jedes Jahr einen Tag der offenen Tür. «Im Jahr 2026 findet dieser am 17. Mai statt. Das Ziel ist es, unsere Sportart ins Rampenlicht zu rücken», erklärt der Schulinspektor.
Im Laufe der Jahre hat Christophe Caloz das Sportschiessen zu weit mehr als einer individuellen Freizeitbeschäftigung gemacht: zu einem Ort des Austauschs, der Weitergabe und des Engagements, an dem Technik und Präzision sowie zwischenmenschliche Bindung miteinander verschmelzen – was in seinen Augen von entscheidender Bedeutung ist.
TAG DER OFFENEN TÜR
Sonntag, 17. Mai 2026, von 08:30 bis 16:00 Uhr, für alle Besucherinnen und Besucher von 8 bis 88 Jahren.