In Begleitung von... Vom Schatten ans Licht Romaine Syburra: Hüterin des Walliser Museumserbes
MONUMENTALE STELEN
Vorsichtig werden die Bretter der Schutzkiste, eines nach dem anderen, abgeschraubt. Allmählich kommt eine riesige Stele zum Vorschein, eine von vielen, die bereits um uns herum aufgereiht sind. Schauplatz ist die Jesuitenkirche in Sitten, die aktuell im Hinblick auf eine Ausstellung, die diesen wertvollen Steinblöcken gewidmet ist, in eine riesige Baustelle verwandelt wurde. Romaine Syburra leitet den Aufbau und war auch zuvor für den Transport der Stelen zuständig.
«Um die dreissig Stelen haben wir hier. Jede einzelne wiegt mehr als eine Tonne, der Transport war also ein echtes Abenteuer!», erklärt uns die Konservatorin der Sammlungen der Walliser Kantonsmuseen.
Um die dreissig Stelen haben wir hier. Jede einzelne wiegt mehr als eine Tonne, der Transport war also ein echtes Abenteuer!
DREI AUSSTELLUNGEN PRO JAHR
Kulissenwechsel: von der Jesuitenkirche aus geht’s zum Kunstmuseum, wo schon die nächste Ausstellung vorbereitet wird, die den Titel trägt: «Die grossen Inspirationen».
«Hier entsteht eine Ausstellung mit Werken bildender Kunst und zahlreichen Gemälden», erklärt Romaine Syburra. «Die Direktorin des Kunstmuseums hat uns eine Liste der Werke geschickt. Wir haben deren Zustand geprüft, die Bilder gerahmt und dann den Transport organisiert. Momentan sind wir in der Phase der Ausstellungsgestaltung».
Die Sektion Sammlungen der Kantonsmuseen zeigt jedes Jahr ungefähr drei Ausstellungen. Das ist die sichtbare Seite des Berufs. Die Konservierung findet dagegen im Verborgenen statt, fernab der Öffentlichkeit.
DIE BESTÄNDE
Das Hauptquartier der Sektion befindet sich in Nähe des Bahnhofs Sitten, in den unauffälligen Räumlichkeiten einer ehemaligen Obstgesellschaft, mit einer Fläche von rund 3000 Quadratmetern. Im Lift fahren wir in den vierten Stock.
Die Konservatorin öffnet die schwere Tür eines alten Industriekühlraums, der ausschliesslich mit Metallgegenständen gefüllt ist: ein Einkaufswagen, eine Honigschleuder, Werkzeuge aus einem anderen Jahrhundert, ungewöhnliche Objekte. «Tutti Frutti!», schmunzelt Romaine Syburra. Doch das vermeintliche Durcheinander ist in Wahrheit gar keines. Jeder einzelne Gegenstand ist gekennzeichnet, inventarisiert und mit einem Strichcode versehen. So lässt sich ein Objekt für eine Ausstellung oder eine Leihgabe ganz schnell und einfach finden.
Tutti Frutti!
EINE BEREICHSÜBERGREIFENDE ORGANISATION
Die Sammlungen der kantonalen Museen sind auf mehrere, spezifische Depots verteilt. Die Einteilung erfolgt nicht nach Zugehörigkeit, sondern nach Objektart. Eisenobjekte werden im Depot «Metall» gelagert, Trachten im für Textilien eingerichteten Bereich, Glas beim Glas, Stelen im für inerte Materialien vorgesehenen Lagerraum usw.
«Die drei Kantonsmuseen – das Kunst-, Geschichts- und Naturmuseum Wallis – haben jeweils ihre eigene Sammlung. Unsere Aufgabe ist es, die Objekte zu konservieren, ohne nach Herkunft zu unterscheiden», erklärt die Expertin für das Walliser Kulturerbe.
So kann ein Gemälde aus dem Naturmuseum durchaus neben einem Bild aus dem Kunstmuseum stehen. Selbst wenn die einzelnen Museen getrennt arbeiten, ist die Konservierung des Kulturerbes bereichsübergreifend organisiert.
DER AUFTRAG
Die Sektion Sammlungen der Walliser Kantonsmuseen besteht seit 2018. Ihr Auftrag ist klar: «Die langfristige Erhaltung der Sammlungen sicherstellen, optimale Bedingungen gewährleisten, damit jedes Objekt an künftige Generationen weitergegeben werden kann.»
Romaine Syburra leitet die Sektion seit ihrer Gründung, dabei kann sie auf ein Team aus Fachleuten für präventive Konservierung und Museumstechnikern zählen.
Die Spezialdepots bilden das Herzstück, Temperatur und Luftfeuchtigkeit in den Räumen werden mithilfe von Sensoren ständig überwacht, um ein stabiles und für die Sammlungen geeignetes Raumklima zu gewährleisten.
Die langfristige Erhaltung der Sammlungen sicherstellen, optimale Bedingungen gewährleisten, damit jedes Objekt an künftige Generationen weitergegeben werden kann.
DIE STICKSTOFFKAMMER
Rost und Schimmel sind Romaine Syburras persönlicher Albtraum, genauso wie Schädlinge. «Wir können einfach keinen Befall riskieren. Jeder Gegenstand, der ins Depot kommt, wird daher systematisch behandelt. Wir betreiben eine präventive Konservierung», erklärt uns die Konservatorin.
Die Bekämpfung von Schädlingen erfolgt in der Stickstoffkammer, einem luftdicht abgeschlossenen Raum, in dem der Sauerstoff entzogen wird. Alle lebenden Organismen werden vernichtet, mit Ausnahme von Pilzen und Bakterien. Je nach Sammlung kann eine Behandlung an die zwanzig Tage dauern.
EIN MUSEUM IST KEIN ZOO
Die Sammlungen der Kantonsmuseen umfassen rund 250 000 Objekte. Doch nicht alles lässt sich aufbewahren. Manchmal muss Romaine Syburra auch Nein sagen können, insbesondere bei allem, was funktionieren muss und bei dem eine Reparatur im Falle einer Störung langfristig nicht gewährleistet ist. Dies war beispielsweise bei einem Elektro-Shuttlebus aus Zermatt der Fall. «Ich bin leider nicht in der Lage, die Funktionsfähigkeit eines Fahrzeugs langfristig zu gewährleisten. Was, wenn der Motor den Geist aufgibt; hat das Objekt dann noch seine Daseinsberechtigung?». Ablehnen musste die Kuratorin auch ein Werk mit lebenden Fischen in einem Aquarium. «Wir bewahren keine Lebewesen auf, wir sind eben kein Zoo.» Dennoch ist dies eher selten der Fall. Auch einige ungewöhnliche Exponate finden ihren Platz, wie zum Beispiel zwei über hundert Jahre alte Käselaibe aus Thyon. «Ihre Geschichte ist lückenlos dokumentiert. Der Käse wird heute in einem kontrollierten Raumklima gelagert. Das Risiko, dass die Laibe zerfallen, besteht, wird aber in Kauf genommen.»
Je ne suis pas en mesure d’assurer la conservation fonctionnelle d’un véhicule sur la durée. Si le moteur rend l’âme, l’objet conserve-t-il encore sa pertinence ?
EIN VIELSEITIGES TEAM
Um die Schätze unserer kantonalen Museen zu bewahren und Ausstellungen zu organisieren, setzt Romaine Syburra auf ein fünfzehnköpfiges Team. « Wir betreiben präventive Konservierung, fertigen auf die Kunstwerke abgestimmte Verpackungen an, bauen Transportkisten, fotografieren die Objekte und empfangen Fachleute und Forscher. Vielseitigkeit ist bei uns also unverzichtbar», betont sie. Sie selbst bringt sowohl theoretisches Fachwissen als auch praktisches Know-how mit. Die Sittenerin hat einen Bachelor in Kunstgeschichte von der Universität Lausanne und hat sich auf die Restaurierung von Gemälden spezialisiert.
Je nach Projekt werden auch externe Fachleute hinzugezogen. So hat man für die Ausstellung der Stelen zusätzlich Steinmetze und Steinrestauratoren mit ins Boot geholt.
Je nach Projekt werden auch externe Fachleute hinzugezogen. So hat man für die Ausstellung der Stelen zusätzlich Steinmetze und Steinrestauratoren mit ins Boot geholt.
UMZUG IN SICHT
Im Kompetenzzentrum Eterpys, auf dem ehemaligen Agroscope-Areal in Conthey, nimmt die Zukunft Gestalt an. Nach einer mehrjährigen Bauzeit wird das neue Konservierungszentrum diesen Herbst fertiggestellt. Derzeit sind die Sammlungen auf drei Standorte verteilt: im Bahnhofs- und Platta-Quartier sowie im Industriegebiet St-Hubert. Künftig werden sie endlich allesamt unter einem Dach vereint sein.
«Die Exponate können wir so besser vor Erdbeben und Überschwemmungen schützen, und auch die klimatischen Bedingungen werden stabiler und können besser angepasst werden», freut sich Romaine Syburra.
Der Umzug ist jedoch nicht zu unterschätzen. Die Objekte sind bereits verpackt und verstaut, das Unternehmen wird zwei bis drei Jahre dauern. Dabei wird nichts dem Zufall überlassen: die heikleren Objekte benötigen eine sichere Logistik und die organischen Sammlungen kommen in die Stickstoffkammer.
VOM OBJEKT ZUM KUNSTWERK
Auch für Romaine Syburra gibt es bald einen Tapetenwechsel, ihre Aufgaben bleiben jedoch dieselben. Als Kuratorin und Ausstellungsleiterin wird sie die Sammlungen weiterhin begleiten, von den Lagerräumen ins Museum.
«In unseren Lagerräumen sind die einzelnen Stücke reine Objekte. Sobald sie ausgestellt sind, erhalten sie eine andere Dimension und verwandeln sich wie durch Zauberhand in Kunstwerke.»
Konservieren bedeutet kennen, schützen, dokumentieren. Hinter jeder Ausstellung verbirgt sich diese unscheinbare und anspruchsvolle Arbeit: vom Schatten ans Licht.
In unseren Lagerräumen sind die einzelnen Stücke reine Objekte. Sobald sie ausgestellt sind, erhalten sie eine andere Dimension und verwandeln sich wie durch Zauberhand in Kunstwerke.