Zu Besuch in Evolène

Zu Besuch in Evolène mit Cédric Fauchère

Nach einer kurvenreichen Fahrt durch das Val d’Anniviers erreichen wir das malerische Dörfchen Evolène. Unser erster Blick wandert direkt zur Dent Blanche, die imposant in den Himmel ragt.

Evolène ist weit mehr als nur eine idyllische Bergkulisse. Das malerische Dörfchen besticht durch seine Authentizität und strahlt zugleich eine bemerkenswerte Lebendigkeit aus. In den Gassen häufen sich Baustellen und Renovationen – sichtbare Zeichen eines klaren Bestrebens: das Kulturerbe zu bewahren und das Dorf gleichzeitig behutsam weiterzuentwickeln.

Wir sind in einem der Tea-Rooms mit einem Einheimischen verabredet, Cédric Fauchère, der als Schlichter bei der Dienststelle für Arbeitnehmerschutz und Arbeitsverhältnisse tätig und seit 2013 Mitglied des Gemeinderats ist. Dieses Gleichgewicht im Dorf ist für ihn das A und O:

«Es geht nicht darum, das Dorf in ein Museum zu verwandeln, sondern darum, es weiterzuentwickeln, ohne aber seinen Charakter zu verfälschen.»

Eine Vision, die von den lokalen Akteuren weitgehend geteilt wird, die sich dafür einsetzen, ein lebendiges, bewohntes und zukunftsorientiertes Dorf zu erhalten.

 

 

Ein Geheimtipp: Die Stiftung Fondation Atelier Marie Métrailler (FAMM)

Unter den Orten, die diese lebendigen Traditionen verkörpern, kommt der Weberei der Marie-Métrailler-Stiftung eine besondere Bedeutung zu. Hinter den renovierten Mauern verbirgt sich weit mehr als eine blosse Werkstätte: es ist ein Ort der Weitergabe, der Begegnung und der Erinnerung.

Wir hatten die Gelegenheit, die Räumlichkeiten im Rahmen einer Atelierführung mit Denise Métrailler, Stiftungsmitglied, kennenzulernen. Mit grosser Leidenschaft erzählte sie uns die Geschichte dieses Ortes und der Frauen, die ihn mit Leben erfüllen.

Hier werden alte Handwerkskünste neu entdeckt: Weben, Sticken und die Arbeit mit Garn. «Das Faszinierende daran ist, dass dieses Wissen weiterlebt und von Generation zu Generation weitergegeben wird», erklärt unser Guide.

In diesem Atelier geht es um weit mehr als die reine Bewahrung einer Tradition – sie wird hier weiterentwickelt. Frauen – oftmals, aber nicht ausschliesslich – kommen zusammen, um zu gestalten, voneinander zu lernen und sich auszutauschen. Gemeinsam halten sie ein Kulturerbe lebendig, getragen von einer zugleich kreativen wie auch gemeinschaftlichen Dynamik.

 

 

Eine prägende Persönlichkeit: Marie Métrailler

Im Zentrum dieses Ateliers steht eine herausragende Persönlichkeit aus Évolène: Marie Métrailler. In den 1930er-Jahren initiierte die visionäre Frau ein wegweisendes Projekt, das es den Frauen der Region ermöglichte, mit ihrem handwerklichen Können als Weberinnen ein eigenes Einkommen zu erzielen.

Ihr Vermächtnis geht jedoch weit über das Handwerkliche hinaus. 1980, ein Jahr nach ihrem Tod, erschien La Poudre de sourire, ein Werk über ihren Lebensweg. Diese von der Journalistin und Schriftstellerin Marie-Magdeleine Brumagne zusammengestellte Erzählung gibt Einblick in ihre Kindheit, die Märchen und Legenden der Region, die Stellung der Frauen sowie die Arbeit der Weberinnen.

Ein wertvolles Zeugnis – ganz im Sinne einer Frau, die es verstand, lokales Know-how zu einem echten Instrument der Emanzipation und der Weitergabe zu machen.

 

 

Ein einzigartiges Bauwerk und ein historisches Ereignis: der Kirchturm von Évolène

Im Herzen des Dorfes besticht der Kirchturm von Évolène durch seine einzigartige Geschichte. Bis zum Jahr 1446 gehörten die Einwohner der Pfarrei Saint-Martin an, die fast drei Stunden Fussmarsch entfernt lag. Dorthin mussten sie auch, um an Gottesdiensten teilzunehmen und ihre Verstorbenen zu bestatten.

Angesichts des Bevölkerungswachstums und der Entfernung zu dieser Kirche erhielten die Einwohner von Évolène vom Bistum schliesslich die Erlaubnis, einen eigenen Kirchturm zu bauen. Ein entscheidender Meilenstein für das Dorf, denn künftig konnten die Verstorbenen vor Ort bestattet und dadurch die Verwurzelung der Gemeinschaft gestärkt werden.

Es dauerte jedoch bis 1806, bis Évolène seine Unabhängigkeit von Saint-Martin erlangte und offiziell als eigenständige Gemeinde anerkannt wurde. Die heutige Pfarrkirche, die dem Heiligen Johannes dem Täufer geweiht ist, wurde zwischen 1857 und 1860 erbaut.

 

 

Für Feinschmecker: gute Restaurants im Ort

In Evolène gibt es keine kulinarische Spezialität, die besonders hervorgehoben werden müsste. Laut Cédric Fauchère isst man überall gut, in einer jeweils ungezwungenen und geselligen Atmosphäre.

Zu den bekannten und empfehlenswerten Adressen zählen insbesondere Les Collines oder La Taverne, die diesen Geist gut widerspiegeln: Orte, die man ebenso gern wegen der Gastfreundschaft wie wegen des Essens besucht.

 

 

Lieblingsspaziergang: entlang der Borgne

Um Évolène auf eine andere Weise zu entdecken, gibt es nichts Schöneres als einen Spaziergang entlang der Borgne. Mehrere leicht begehbare Wege säumen den Bach, die man je nach verfügbarer Zeit nach Belieben erkunden kann.

Die Strecke verändert sich mit den Jahreszeiten: Im Frühling zeigt sie sich dank des kräftigen Wasserlaufs von einer wilden Seite, im Sommer ist sie schattig und angenehm, im Herbst wird sie ruhiger, während sich das Farbenspiel der Natur wandelt. Ein einfacher Spaziergang, um die Natur zu geniessen – nur einen Steinwurf vom Dorf entfernt.

 

 

Ein besonderer Ort: die Gouille d’Arbey

«Oft spricht man vom Lac d’Arbey, also vom See, wenn die Leute aber hier ankommen, sehen sie eher einen kleinen Teich … und sind manchmal ein wenig überrascht. Doch genau das macht den Charme dieses Ortes aus», erzählt uns Cédric Fauchère.

Von hier aus hat man eine herrliche Aussicht auf das hintere Val d’Hérens und die Dent Blanche. Dieser Spaziergang ist ausserdem leicht zugänglich und für jedermann machbar.

Cédric Fauchère hat die Alphütte der Familie in der Nähe der Gouille d’Arbey übernommen. Er fährt regelmässig und gerne dorthin, um neue Energie zu tanken und dem Alltag zu entfliehen. Ein einfacher Ort, der zum Abschalten einlädt.

 

© Cédric Fauchère


 

 

Anekdote und Legende zugleich: Der Ursprung des Namens Evolène

Im Walliser Dialekt heisst Évolène «Èvouolïn-na». Die alten Formen «éwu Lénä» oder «Olèïnna» lassen sich als «leichtes Wasser» interpretieren – ein Wasser, das reichlich vorhanden, nie kalt, und immer frisch ist. Eine kostbare Ressource, die früher für das tägliche Leben unverzichtbar war, sei es für den Hausgebrauch, den Betrieb der Schmieden oder auch für das langsame Drehen der Mühlen.

Der örtlichen Überlieferung zufolge hat dieser Name seinen Ursprung in einer ganz besonderen Quelle, deren Herkunft trotz aller Nachforschungen unbekannt bleibt. Dieses geheimnisvolle Wasser, das mitten im Dorf entspringt, soll Évolène seinen Namen gegeben haben und zeugt von der tiefen Verbundenheit der Gemeinde mit diesem lebenswichtigen Element.

 

 

Lebendige Traditionen: Fastnacht, Dialekt und Trachten

Man kann nicht von Évolène sprechen, ohne seine Traditionen zu erwähnen. Insbesondere die Fastnacht ist ein Höhepunkt des Dorflebens. Sie ist keineswegs nur ein einzelnes Ereignis, sondern erstreckt sich über einen längeren Zeitraum: vom Dreikönigstag bis zum Fasnachtsdienstag.

 

In Evolène lässt sich die Fasnacht nicht erklären – man muss sie erleben.

 

Die symbolträchtigen Gestalten – ausgestopft oder als Plüschtiere – zeugen von einer Tradition, die nach wie vor lebendig ist und die gesamte Gemeinschaft vereint.

 

© Cédric Fauchère


Dialekt ist zwar weniger verbreitet, in manchen Familien jedoch nach wie vor präsent. «Patois ist hier Muttersprache», erinnert Cédric Fauchère, der den Dialekt zwar versteht, aber kaum spricht – auch wenn sich seine Weitergabe zunehmend verändert.

Was die traditionellen Trachten angeht, so nehmen sie bei Festen und Tänzen nach wie vor einen wichtigen Platz ein. Sie verkörpern eine tiefe Verbundenheit mit den lokalen Wurzeln und einem Know-how, das fortbesteht.

 

© Cédric Fauchère

 

Évolène entwickelt sich weiter, ohne seinen Charakter zu verlieren. Zwischen Renovierungen, weiterhin gelebtem Handwerk und einem lebendigen Dorfleben entsteht im Alltag ein ausgewogenes Gleichgewicht. So bleibt das Kulturerbe lebendig, ohne zur reinen Kulisse zu erstarren.